PR / Public Frustration: Warum ich diesen Blog schreibe

Zwölf Jahre habe ich in der PR gearbeitet. Die allermeiste Zeit habe ich es gehasst.
Zunächst war ich als Volontär in der Pressestelle eines großen Unternehmens. Das war zwar langweilig, weil es eine insgesamt sinnlose Tätigkeit war. Aber im großen und ganzen war es erträglich. Erträglich auch deswegen, weil ich immer das Ende des Jobs vor Augen hatte: Nach dem Volontariat wollte ich in eine PR-Agentur. Da würde es spannender werden, dessen war ich mir sicher.
Schnell, bunt, cool, am Puls der Zeit. Digital und kreativ.
Einige meiner Freunde waren damals Werber. Ich wusste, dass sie viel arbeiteten, aber sie lebten für ihren Job, es machte ihnen einfach Spaß. So stellte ich es mir in einer PR-Agentur auch vor.

Nach dem Volontariat fing ich dann tatsächlich in einer Hamburger PR-Agentur als Berater an. Doch schon nach wenigen Wochen im AgenturJob begann ich mich zu fragen: Was, verdammt nochmal, ist hier eigentlich los?
Der Job lief so ganz und gar anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Vieles kam mir offenkundig falsch und unsinnig vor. Aber um mich herum taten alle, als sei alles in bester Ordnung.
Das ist ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl. Man fängt an, am seinem Geisteszustand zu zweifeln. Und natürlich an den eigenen Fähigkeiten.

Die Wende kam für mich, als ich eines Abends mit Timo und Franziska ein Bier trinken ging. Timo und Franziska hatten beide fast gleichzeitig die Agentur verlassen, in der ich gerade arbeitete. So waren wir nur wenige Woche Kollegen gewesen.

Franziska und Timo hatten selbst in rascher Folge ihren Job in der Agentur hingeschmissen. Im Job hatte ich nicht viel mit ihnen zu tun gehabt, aber wir waren uns sympathisch gewesen. Nachdem sie einige Wochen nicht mehr im Job waren, traf ich mich mit ihnen an einem lauen Sommerabend auf ein Bier. Es war erstaunlich: Auch sie hatten die Arbeit absolut unerträglich gefunden. Nun waren sie heilfroh, nicht mehr in einer Agentur zu arbeiten.

Wir redeten uns unseren Job-Frust von der Seele. Timo und Franzska waren drei bzw. vier Jahre in der Agentur gewesen. Es hatte sich viel bei ihnen angestaut. Bei mir war es bislang eher ein diffuses Unwohlsein. Aber bislang hatte ich die Hoffnung, dass noch alles gut werden würde, wenn ich mich erst besser eingewöhnt hatte. Diese Hoffnung löste sich an diesem Abend in Luft auf. Stattdessen ahnte ich, dass ich der Horror noch gar nicht richtig angefangen hatte.

An diesem Abend kamen wir auch zum ersten Mal auf den Begriff Public Frustration. Damit bezeichneten wir das Gefühl, das wir in der Agentur immer hatten: Das Gefühl im Team eine völlig unsinnige Arbeit zu leisten, und dabei so zu tun, als sei das ganz normal.

Darin schienen sich Kollegen, Chefs und selbst die Kunden immer wunderbar einig: Ist doch alles bestens!

In Wahrheit fand es zwar niemand bestens, aber jeder spielt bei der Theaterstück mit. Wobei jeder unterschiedliche Gründe hatte.

Nach diesem Abend begann ich, mit einigen meiner Kollegen offener zu sprechen. Fanden sie den Job auch so ätzend? Und siehe da: Wenn ich einmal in diese Stelle gestochen hatte, stellte ich fest, dass praktische alle meine Kollegen extrem frustriert waren. Egal wie begeistert sie sich nach außen von ihrem Job zeigten. Sobald ich die Arbeitsbedingungen bei uns ehrlich ansprach, fand ich überall Public Frustration.

Das eröffnete mir eine andere Perspektive auf die Arbeit. Es war auf einmal viel erträglicher morgens ins Büro zu gehen. Denn wenigstens musste ich nicht mehr an meinem Geisteszustand zweifeln. Stattdessen betrachtete ich den Job nun wie ein absurdes Theaterstück. Die Regieanweisung lautete: Nichts von dem, was wir tun, darf irgendeinen Sinn ergeben. Und je sinnloser die Tätigkeit, desto ernsthafter arbeiteten wir daran.

Ich betrachtete meine kleine PR-Welt nun wie ein Ethnologe. Ich stellte ich mir vor, ich sei ein Forscher und nun zu Besuch bei einem Naturvolk am Amazonas. Dieses Naturvolk hatte noch nie Kontakt mit der Außenwelt gehabt und daher seine ganz eigenen Regeln. Mir mochten die Regeln sinnlos, ja vielleicht sogar schädlich erscheinen. Aber nur, weil ich einfach nicht genug über dieses Volk wusste.  Wer eine Wetter-App auf dem Smartphone hat, dem kommt einem ein Regentanz natürlich sonderbar vor.  Aber wenn man weiß, dass das Volk an einen Wettergott glaubt, dann macht der Regentanz auf einmal Sinn. Man darf die Eingeborenen nur eben nicht nach den eigenen Regeln messen. Das Verständnis kommt dann zwar noch nicht automatisch, aber es wird alles bedeutend leichter.

Schon immer habe ich mir zu allem mögliche Notizen gemacht. Wo immer ich bin, Stift und Notizbuch sind dabei. Nun begann ich, mir nun ausführlich Notizen über die PR-Welt zu machen. Im Büro schlug ich wenigstens drei Mal am Tag mein schwarzes Büchlein auf, und kritzelte in aller Schnelle ein paar Stichworte hinein. Abends schrieb ich dann zuhause weiter.

Ich protokollierte, was ich getan habe, was die Chefs sagten, was mir die Kollegen hinter vorgehaltener Hand verrieten, wie die Kunden sich gebärdeten.

Oder ich notierte die handwerklichen Aspekte – wie wir ein Konzept erstellten und wie lange es dauerte, eine simple Pressemeldung abzustimmen.

Ob man diesen Blog als handfeste Warnung liest oder nur als Beipackzettel zur Branche, der auf die Risiken und Nebenwirkungen hinweist, das soll jeder für sich entscheiden.

Ich will auch gar nicht generell von einem Job in der PR abraten. Ich selbst bin dort mittlerweile sehr zufrieden, nachdem ich endlich die richtige Stelle gefunden habe. Aber man sollte wissen, was einen in der Branche erwartet – die meisten Berufseinsteiger wissen es  nicht.

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