PR Agenturen – alles Ausbeuter?

 

2013 sorgte ein Artikel der Journalistin Katy Walther für Aufregung in der PR-Branche – wenigsten ein kleines bisschen. Im Magazin „Der Wirtschaftsjournalist“ veröffentlichte sie den Beitrag „PR Agenturen als Ausbeuter“. Katy Walther beschreibt darin den Druck, welcher in Agenturen herrscht, während gleichzeitig die Karrierechancen und die Gehälter dürftig sind. Cholerische Chefs, Arbeit am Wochenende, kaum echtes Privatleben – so sieht laut diesem Artikel das Leben in PR-Agenturen aus.

 

Dass die Zustände in PR-Agenturen einmal so offen ausgesprochen wurden, war neu. Nicht, dass nicht längst ausführlich über Arbeitsbedingungen in PR-Agenturen geredet wurde. Aber der Frust bracht sich eher in privaten Gespräche oder auf Plattformen wie kununu Bahn. Gerade auf kununu kann man übrigens viel über die Branche lernen – vor allem, dass kaum jemand gern dort arbeitet.

Allerdings hat der PR-Job-Frust auf diesen Kanälen eben immer die Anmutung eines Einzelfalls.

 

Dass das Thema einmal von einem Wirtschafts-Medium aufgegriffen wurde – das verdeutlichte, dass das Phänomen „Agenturen als Ausbeuter“ kein Einzelfall, sondern vielmehr Standard in der Branche ist.

In der Nachfolge des Artikels gab es in Online-Foren, in Fachmedien und auch in meinem beruflichen Umfeld einige Diskussionen über den Artikel und zu dem Thema im Allgemeinen. Große Überraschung: Auf Chef-Ebene war man der Überzeugung, dass das alles nicht so schlimm sei. Wer in einer Agentur anfange, müsse eben Dienstleister sein. Und man wisse doch schließlich, worauf man sich einlässt, wenn man bei einer Agentur anfängt.

 

Auf Angestellten Ebene fühlte man sich von dem Artikel dagegen eins zu eins wiedergegeben. „Genauso ist es auch bei mir“ meinten viele, mit denen ich über den Artikel gesprochen habe.

Große Unterschiede zwischen Agentur und Unternehmen

Wie der Artikel auch deutlich macht, gibt es große Unterschiede zwischen Agentur und Unternehmen. Denn insgesamt kommt man in der PR auf weniger als fünf Überstanden pro Woche. Das ergibt eine Studie. Hört sich sehr passabel an. Stimmt aber nur, so lange Pressestelle und Agentur in einen Topf geworfen werden. Betrachtet man die Agenturen isoliert, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dann nämlich ist überstunden-technisch nach oben hin praktisch alles möglich. Und dass man gelegentlich mal früher Feierabend macht, wird kaum toleriert. „Feierabend, Privatleben oder kurzfristige Termine der Mitarbeiter werden im Arbeitsalltag kaum berücksichtigt“, heißt es bei Katy Walther.

Fest steht: Glücklich wird man als Angestellter in einer Agentur kaum. „Manchmal kommt man sich vor wie in einer indischen Näherei“ zitiert der Artikel eine PR-Beraterin.

Möglicherweise ist die Arbeiterin in einem asiatischen Sweatshop subjektiv sogar noch glücklicher als eine Junior-Beraterin in einer PR-Agentur in Düsseldorf. Denn schließlich hängt das subjektive Glücksgefühl mit den eigenen Erwartungen und Hoffnungen zusammen. Und die Erwartung der Sweatshop-Mitarbeiterin sind vermutlich bereits erfüllt, wenn sie bei der Arbeit körperlich unversehrt bleibt und die Familie nicht hungert.

Die Junior-Beraterin hat aber natürlich ganz andere Ansprüche. Sie erwartet von ihrer Arbeit Freude, Erfüllung, Lebenssinn. Dass sie mit coolen Leuten coole Projekte managed. Dass sie digital immer vorn dabei ist.

PR-ler haben meist Fächer aus Neigung studiert – und sind im Job nicht sehr leidensfähig

Hinzu kommt: Gerade Angestellte in PR-Agenturen haben häufig Fächer studiert wie Kulturwissenschaften, Romanistik, Publizistik. Mithin Fächer, die man aus Neigung studiert. Nicht, weil sie große Karrierechancen eröffnen. Wer sein Studienfach aber aus Neigung wählt, ist im Job nur begrenzt leidensfähig.

 

Hinzu kommt das Thema Generation Y: Viele Mitarbeiter in PR-Agenturen gehören mittlerweile zur Generation der zwischen 1985 und 1999 geborenen. Über diese Generation der Digital Natives sind in den vergangenen Jahren ganze Regale voller Aufsätze und Bücher publiziert worden. Bei aller Unterschiedlichkeit der Publikationen: Wenn es ums Arbeitsleben geht, scheint klar zu sein, dass die nachrückende Arbeitnehmer-Generation sich nicht mehr knechten lassen will, wie es noch die Generation X getan hat. Sondern sie wollen im Job auch selbstbestimmt und zufrieden sein. Und da die Ypsiloner zu den geburtenschwachen Jahrgängen gehören sind sie zwangläufig begehrt auf dem Arbeitsmarkt – einfach weil das Angebot so knapp ist. PR-Agenturen sind damit aber die denkbar unattraktivsten Arbeitgeber für die Generation Y.

Fachkräftemangel als Thema in allen Agenturen

Das macht es für die Chefs von PR-Agenturen natürlich schwierig, künftig noch halbwegs brauchbare Mitarbeiter zu finden. Dabei ist der Fachkräftemangel schon lange ein großes Thema in allen Agenturen. Man fragt sich, warum nicht mehr Agenturen ihr Humankapital nachhaltiger pflegen. Der Nachwuchs lässt sich jedenfalls nicht mehr alles gefallen. Vielleicht gründen frustrierte Mitarbeiter nicht gleich einen Betriebsrat oder treten der Gewerkschaft bei. Aber sie werden ihre Erfahrung weiter tragen. In der kleinen PR-Welt bedeutet das eine Menge.

Kununu und Glassdoor als Ventil für Frust

Oder sie schreiben auf kununu oder Glassdoor oder einem anderen Portal, wie sie ihren Arbeitgeber finden. Bei diesen Portalen heißt es über sehr viele Agenturen etwas im Sinne von „Mehr Schein als Sein“. Ständige Kritikpunkte sind Arbeitszeiten und Vorgesetzenverhalten.

 

Wer sich als PR-Einsteiger in diesen Portalen umschaut, dem wird die Lust auf einen PR-Job vergehen. Natürlich werden nicht alle Agenturen schlecht bewertet. Aber dass eine Agenturen so richtig gut wegkommt und man auch noch das Gefühl hat, es mit authentischen Bewertungen zu tun zu haben und nicht mit Fakes (gibt‘s natürlich auch, ist schließlich die Kernkompetenz von PR-Menschen), habe ich praktisch gar nicht gefunden.

 

Natürlich gibt es auch PR‘ler, die zufrieden sind in ihrem PR-Job. Ich selbst habe solche Leute getroffen. Es sind meistens solche Menschen, die in leitender Position tätig sind und einen interessanten Kunden betreuen. Diese Leute gehen in ihrem Job auf, sie haben keine Hobbys mehr. Abend trifft man sie auf Veranstaltungen, auf denen sie netzwerken. Sie verdienen gutes Geld, haben einen Dienstwagen und einen Partner aber keine Kinder. Es sind intelligente, sympathische Menschen, die aber leider völlig den Blick dafür verloren haben, dass es für den Nachwuchs, der ein mageres Gehalt bekommt, völlig unattraktiv ist, in der PR zu arbeiten.

Ein Jahr nach dem Artikel PR Agenturen als Ausbeuter hat Katy Walter übrigens einen weiteren Artikel über die Branche veröffentlicht: Die fetten Jahre sind vorbei heißt er. Darin geht es darum, wie die Agenturen wirtschaftlich zunehmend unter Druck geraten, weil sie nur noch Massenwaren abliefern. Wer seine Angestellten schlecht behandelt, dem kann es eben auf Dauer nicht gut gehen.

 

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