Nachspiel auf der Autobahn

Ein besonders denkwürdiges Nachspiel, das mir immer in Erinnerung bleiben wird, fand nach Meeting mit diesem Kunden statt, auf dem Herr Moser wie oben beschrieben Boris und mich zusammengefaltet hatte.

Diese Standpauke schwebte über uns, als wir uns nach dem Meeting ins Auto setzten. Boris am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, Assistentin Tanja hinten. Wir hatten dieses elendige Meeting endlich hinter uns gebracht und waren glimpflich mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen.

Boris lockerte sich die Krawatte und schaute mich an. Er verzog dabei sein Gesicht, wie ein 12-Jähriger, der gerade eine Abreibung vom Lehrer bekommen hatte, dem es aber wenigstens erspart blieb, dass auch die Eltern eingeschaltet werden.

Selbstachtung weg, aber immerhin einen Vertrag in der Tasche

In seinem Blick lagen Schuldbewusstsein und gleichzeitig Erleichterung, dass der Vertrag verlängert werden würde. Was machte es schon, dass Boris dafür seine Selbstachtung hergeben musste. Es kam auf den Vertrag an, auf sonst nichts.

Letztlich konnte sich Boris sogar in seiner Personalpolitik sogar bestätigt sehen. Die Leute kamen und gingen reihenweise bei Cool PR. Viele waren vor Ende der Probezeit weg, kaum jemand blieb länger als ein Jahr. Die meisten gingen freiwillig, einige wurden auch gefeuert.  So oder so: Wieder einmal war Boris damit bei einem Kunden durchgekommen.

Jetzt aber war der Chef erst einmal handzahm. Und so freundlich, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. „Ist ja noch mal gut gegangen“ sagte er. „Lasst uns jetzt erstmal zu McDoof gehen, ich zahle.“

Fritten und Burger und ein paar sanfte Worte

Also fuhren wir zu McDonalds und als wir dort an den Kunststoff-Tischen saßen, ein Tablett mit Burger und Pommes vor uns, faselte Boris etwas davon, dass er sich jetzt „auch selbst ganz viel bei diesem Kunden einbringen wolle“.

Und selbst wenn er konkret beim operativen Teil Flagge zeigen müsse, dann sei das eben so und da ist er sich dann auch nicht zu fein für. Seine Stimme war ungewöhnlich sanft und leise.

Ich dachte, er hätte vielleicht wirklich etwas gelernt. Etwas später saßen wir, die Mägen vollgestopft mit billigen Fast-Food-Kohlehydraten, wieder im Auto und fuhren in Richtung München.

Eine Weile sagte niemand von uns etwas. Tanja schlief auf der Rückbank – vielleicht tat sich auch nur so, weil sie ihre Ruhe haben wollte.

Auf einmal räuspert Boris sich

Dann räusperte Boris sich und fing an zu reden. Er sagte mir, dass man in diesem Job eben auch Standfestigkeit beweisen müsse, auch wenn der Wind mal von vorne kommt. Dass man nicht immer allen Leuten nach dem Munde reden dürfe. Und dass es ein dickes Fell, vor allem aber gute Ideen und Leidenschaft brauche.

Eine viertel Stunde redete er so auf mich ein und sonderte einen unsinnigen Allgemeinplatz nach dem anderen ab. Mir fehlt die psychologische Ausbildung, um wirklich sagen zu können, was genau es damit auf sich hatte. Möglicherweise war das einfach die Art von Übersprungshandlung, mit der er sich wieder auf seinen regulären Modus einstellte. In den letzten Stunden hatte er sich einige unangenehme Wahrheiten anhören müssen. Vor seinen Mitarbeitern war er gedemütigt worden. Davon musste er sich sicher erst einmal wieder erholen. Und dazu dienten ihm wahrscheinlich diese vollkommen sinnlosen Sprüche.

Wir fuhren mit 150 Stundenkilometer im sechsten Gang während er so redete. Da griff plötzlich in die Kupplung und wollte noch einen Gang hochschalten. Einen höheren Gang gab es aber nicht, daher ruckelte es einmal kurz und heftig und Boris fluchte.

Umschalten in den Ankündigungsmodus

Beim Fahren war Boris das Umschalten nicht gelungen, in seinem Kopf hingegen schon: Denn nun hörte er schlagartig auf mit den Schaumschlägerphrasen und war wieder im Ankündigungsmodus.

Zuerst redete er über den Pitch – dass er ein paar Kontakte hätte, die den Kunden ganz gut kennen würde – die würde er mal aktivieren.

Der Chef hat coole Ideen

Dass er schon jetzt tausend Ideen für diesen coolen Kunden hätte – das wäre doch endlich mal was anderes als diese langweiligen Auto-Zubehörteile. Da könne er endlich mal seine Kreativität so richtig ausspielen. An Tanja gewandt meinte er, sie solle ein Brainstorming für morgen vorbereiten. Da wolle er dann seine kreativen Ideen mit uns teilen und sei gespannt, was uns so einfiele. Natürlich erschien er selbst am nächsten Tag natürlich nicht zu dem Meeting.

Dann kam Boris schließlich auf den Autozulieferer zurück. Dass wir dort jetzt aber endlich PS auf die Straße bringen sollten. Ich sei schließlich schon einen Monat dabei und da hätte er vollstes Verständnis, wenn der Kunde jetzt Ergebnisse sehen wolle.

Als wir in München ankamen, ließ Boris Tanja und mich an der S-Bahn raus, damit wir noch mal ins Büro fahren könnten. „Wir mögen uns doch mal bitte ein paar Gedanken machen, was wir dem Kunden proaktiv anbieten könnten“.

Er selbst ist nach Hause gefahren, seine Kinder warteten auf ihn.

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Ein Kommentar zu „Nachspiel auf der Autobahn

  1. „Ca. eine viertel Stunde redete er so auf mich ein und sonderte einen unsinnigen Allgemeinplatz nach dem anderen ab.“ – genau solche Leute gibt es leider viel zu häufig in der PR und irgendwie schaffen sie es auch häufig in die Chefetage. Irgendwas mach ich falsch!

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