Eine kleine autobiografische Notiz zu Kundenmeetings

Aus dem Kapitel zu Kundenmeetings aus meinem Buch Public Frustration (welches in Kürze als E-Book erscheinen wird):

…. An dieser Stelle eine kleine autobiografische Notiz zu Kundenmeetings und der von den Chefs dabei gern verbreiteten Aufbruchsstimmung:

Ich selbst wurde mehrfach als „der neue starke Mann“ präsentiert. Dreimal fing ich einen neuen Job in einer Agentur an. Und jedes Mal wurde gegenüber den verschiedenen Kunden der Agentur gegenüber große Aufbruchsstimmung verbreitet: „Herr Janssen ist da, endlich geht’s los!“ Diese Scharade war natürlich schon mit allen meinen Vorgängern aufgeführt worden. Die Kunden nahmen es stoisch hin.

Ein einziges Mal lief es anders: Als ich bei Cool-PR anfing, für einen Automobilzulieferer zu arbeiten, war ich innerhalb von zwei Jahren bereits der sechste Berater für diesen Kunden. Jedes Mal wieder hatte Agentur-Chef Boris die neuen Berater mit großem Täterätätä vorgestellt. So hatte er es auch bei mir vor.

Doch diesmal platzte dem Verantwortlichen auf Kundenseite der Kragen: Der Pressesprecher Herr Moser war ein freundlicher, umgänglicher Mensch. Jedenfalls wurde mir das vorher so erzählt. Doch als er sich nun anhören musste, wie Boris mit schiefem Grinsen erzählte, dass nun endlich Herr Janssen da sei, der die entscheidenden Medienkontakte und das Know-how mitbrächte, um dieses mittelständische Unternehmen endlich in den wohlverdienten Kommunikationsolymp zu führen – da sah ich, wie sich das Gesicht von Herrn Moser verfinsterte.

Er nestelte sich an der Krawatte, als müsse er sich Luft machen und drückte seinen Rücken durch, wie ein Raubtier, das in Angriffshaltung geht. Kaum hatte Boris seine unglaubwürdige Lobrede auf mich beendet, legte Herr Moser los:

Er zählte die Namen meiner Vorgänger auf. Mich beeindruckte, dass er sie noch alle im Kopf hatte. Boris kannte sie sicher längst nicht mehr. Dann wandte er sich mir zu: „Sie haben keine Ahnung von den relevanten Fachmedien und kennen dort keinen Redakteur. Unser Produktportfolio ist Ihnen ebenfalls unbekannt, ganz zu schweigen von unseren Wettbewerbern.“

Das war zwar nicht ganz richtig – natürlich hatte ich die Produkte drauf und hatte mir auch die Fachmedien angesehen. Aber Herr Moser sagte es auf eine Art, die jeglichen Widerspruch ausschloss. Und im Kern hatte er natürlich Recht – ich war zwei Wochen in der Agentur und sicher kein Automotive-Experte.

Normalerweise hätte er mir natürlich eine Einarbeitungszeit gewährt – aber seine Geduld dafür hatten meine diversen Vorgänger bereits mehrfach aufgebraucht.

Dann wandte er sich an Boris und faltete ihn gehörig zusammen. Warum er keine Leute halten könne und dass er jetzt ja nur darauf warte, dass auch Herr Janssen sich wieder verabschiede. Und dass so die Zusammenarbeit ernsthaft auf dem Spiel stünde. Da könne Boris noch so viel versprechen. Jetzt müsse er liefern.

Wir durften trotzdem weiter für den Kunden arbeiten. Jedenfalls noch acht Monate, bis zum Jahresende. Dann hatte Herr Moser sich eine andere Agentur gesucht. Mir wurde infolgedessen auch gekündigt. Die Agentur war den Kunden los, ich war die Agentur los. Eigentlich eine Win-win-Situation.

Als Fußnote sein noch angemerkt, dass das Unternehmen mit der nächsten Agentur auch nicht glücklicher wurde: Dort kamen und gingen die Berater in einem noch schnelleren Tempo.

Herr Moser selber allerdings, der mir zur Begrüßung so herrlich offene Worte geschenkt hatte, blieb selbst nur noch wenige Monate in dem Unternehmen. Ich weiß nicht, unter welchen Umständen er ausschied. Aber ich stelle mir vor, dass er – mürbe gemacht durch die immer neuen Berater – sein Leben als Pressesprecher ganz und gar an den Nagel gehängt hat. Heute betreibt er irgendwo am Strand von Brasilien eine Strandbar. Die Bar besteht aus bunten Holzbrettern. Er hat sie ganz alleine aufgebaut, ohne die Hilfe von Beratern. Der Laden ist jeden Abend voll. Ganz ohne Medienberichte. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ist Moser glücklich. So jedenfalls stelle ich es mir vor…..

 

 

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