Sean Spicer, neuer Star am Pressesprecherhimmel.

Sean Spicer, Pressesprecher von Donald Trump hat bei seinem Auftritt nach der Vereidigung  gelogen. Angeblich habe die Zeremonie für Trump das größte Publikum der Geschichte gehabt. Was augenscheinlicher Unsinn ist, wenn die TV-Bilder gesehen hat. Macht nix, er hat trotzdem gelogen. Für mich ist das ein guter Anlass, hier ein Kapitel aus meinem Buch Public Frustration  wiederzugegeben.

Es geht in dem Kapitel um die Frage, warum es einige PR-Menschen mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Hier kommt das Kapitel, viel Spaß beim Lesen:

 

Typische Typen der Public-Frustration-Branche, Teil 1.

Frank Kaufmann, Inhaber und Gründer einer PR-Agentur.

Der dritte Golfkrieg fand von März bis Mai 2003 statt. George W. Bush war damals US-Präsident. Die Amerikaner und ihre „Koalition der Willigen“ besiegten die Iraker klar und eindeutig. Die Alliierten hatten zwar weniger Truppen als die Iraker, waren aber aufgrund ihrer High-Tech-Waffen militärisch weit überlegen.

Konnte man angesichts dieser Überlegenheit je am Sieg der Amerikaner zweifeln? Das konnte man in der Tat: Jedenfalls wenn man Muhammad as-Sahhaf hieß und damals „Informationsminister“ Saddam Husseins war..

Muhammad as-Sahhaf trat während des Kriegs regelmäßig vor die Kameras und Mikrofone der internationalen Medien und fabulierte vom bevorstehenden Sieg der irakischen Truppen. Zu den überlieferten, etwas schrägen Zitaten, gehört: „We have destroyed 2 tanks, fighter planes, 2 helicopters and their shovels – We have driven them back.“

Oder: „They’re coming to surrender or be burned in their tanks.“

Und: “There are no American infidels in Baghdad. Never!“ Als er letzteres auf einer Pressekonferenz sagte, hörte man im Hintergrund bereits das feindliche Feuer.

As-Sahhafs Äußerungen waren von solch unfreiwilliger Komik, dass er schnell den Spitznamen „Comical Ali“ weg hatte. Auf Youtube kann man sich heute noch eine Reihe Best-Ofs von Comical Ali ansehen und natürlich gibt es auch eine Reihe von Parodien.

Muhammad as-Sahhaf beschönigte die Wirklichkeit nicht, er verzerrte sie auch nicht. Er erfand sie einfach von Grund auf neu. Dass die Journalisten ihm kein Wort glaubten, war ihm egal. Muhammad as-Sahhaf wusste, was sein Chef hören wollte. Es waren nicht die Reporter oder die Fernsehzuschauer, die sein Gehalt als zahlten oder darüber entschieden, ob er befördert oder geköpft würde. Also zog Comical Ali die Show ab, die Saddam bestellt hatte.

Man sollte diese Leistung nicht gering schätzen. Offenkundige Fakten so konsequent zu ignorieren ist ein Knochenjob, für den es eine besondere Begabung braucht: Muhammad as-Sahhaf konnte so überzeugend vom bevorstehenden irakischen Sieg erzählen, weil ihm die wohl wichtigste Fähigkeit für Führungskräfte in der PR in Vollendung zu eigen ist: Die Autosuggestion. Mit Autosuggestion gelingt es, in der eigenen Position die einzige und unumstößliche Wahrheit zu sehen. Es gibt keine Zwischentöne mehr. Nur noch Schwarz und Weiß. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Ganz ohne Frage: Mit dieser Fähigkeit wäre as-Sahhaf auch ein toller Geschäftsführer in einer Public-Frustration-Agentur geworden.

Wie as-Sahhaf sich als Agenturchef gemacht hätte, kann man an Frank Baumann sehen. Der ist seit bald zehn Jahren Chef seiner eigenen Agentur. Und wie as-Sahhaf ist auch er Meister der Autosuggestion. Auf Frank Kaufmann hat die Autosuggestion eine Wirkung wie Kokain. Er hält sich für den Größten und Witzigsten. Zweifel kennt er nicht. Der Output der eigenen Agentur, egal wie mittelmäßig, steht unter ständigem Award-Verdacht. „Mann, ist das kreativ. Mann, ist das witzig. Mann, sieht das gut aus!“ hämmert es Frank ständig durch den Kopf. Er trägt dabei ein breites Grinsen im Gesicht.

Wenn seine Agentur um einen Etat pitcht, steht von Anfang an fest, wer gewinnt. Sonderbar, dass die anderen überhaupt antreten.

Verliert man den Pitch dann doch, so liegt‘s am Auftraggeber. Der hatte leider keine Ahnung. Oder er wollte den Auftrag von Anfang an seinem Neffen zuschanzen. Oder er hat den Etat nur zum Schein ausgeschrieben. Wer weiß das schon.

Alternativ kann auch der zuständige Berater Schuld sein. Das ist immer dann der Fall, wenn der Berater kurz nach dem Pitch kündigt. Was nicht so selten vorkommt. Dann macht Frank keinen Hehl mehr daraus, dass dieser Berater noch nie wirklich etwas getaugt hat.

Mitarbeiter sind entweder großartig oder Totalversager. Dazwischen gibt es nichts.

Überhaupt gehört der hohe Personalwechsel in PR-Agenturen zu den Themen, bei dem Autosuggestion und Scheuklappen ausgesprochen praktisch sind. Verlässt wieder mal ein Mitarbeiter das Team, dann überlegt Frank nicht etwa, ob das etwas mit ihm zu tun haben könnte. Ob er es sich vielleicht einmal abgewöhnen sollte, mit Aktenordnern nach seinen Mitarbeitern zu werfen oder sie sonntags ins Büro zu zitieren.

Stattdessen sorgt jeder Personalabgang immer wieder für neue Aufbruchsstimmung. Wenn ein Berater geht, kommt dafür schließlich immer ein Neuer. Und das übersetzt Frank jedes Mal in ein „Jetzt-endlich-kann‘s-aber-richtig losgehen-Feeling“. Dieses Feeling wird er vermutlich sein ganzes Leben durchhalten.

Die Autosuggestion führt auch dazu, dass der Chef den Kunden gern mal zu viel verspricht:

Einmal hat Franks Agentur die Pressearbeit für ein Groß-Event in Köln gemacht. Das Event bekam viel positive Schlagzeile bei der Lokalpresse, man konnte wirklich zufrieden sein.

Nun hatte Frank aber bereits im Vorjahr gegenüber dem Kunden getönt, seine Agentur würde das Event auch in die internationale Presse bringen. Er sprach besonders gern von der New York Times.

Jeder, der auch nur ansatzweise etwas von Medienarbeit versteht, dem war klar, dass das vollkommen unrealistisch war. Denn natürlich reichte die Strahlkraft eines solchen Events kaum über die Stadtmauern hinaus, geschweige denn die Landesgrenzen. So schön die Veranstaltung auch war – ins Flugzeug würde dafür mit Sicherheit niemand steigen. Schließlich ging es nicht um die Fußball-WM.

Nun hatte Frank es dem Kunden nun aber versprochen, dass er die Geschichte international in die Presse bringen würde. Also wurde nun die ganze Pressearbeit internationalisiert. Die Pressemeldungen wurden in vier Sprachen übersetzt. Die Partnerstädte Kölns wurden umfassend über das Event informiert. Zur Pressekonferenz wurde das chinesische Fernsehen eingeladen. Sonderbarerweise schickten die aber keinen Vertreter.

Doch es half alles nichts: Das Event rückte immer näher. Und als es dann los ging, war man in keinem einzigen internationalen Medium vertreten.

Frank weiß auch, woran das liegt: „Die berichten erst hinterher, wenn sie gute Bilder von dem Event haben“, lässt er den zuständigen Berate wissen.

Also werden unmittelbar nach dem Event die Bilder und eine Jubelmeldung an die Redaktionen rund um den Globus geschickt – von Peking bis Washington.

Wieder erscheint: Nichts. Und das trotz der tollen Bilder.

Unterm Strich: Gute Berichterstattung in den Lokalmedien. Null Berichterstattung in der internationalen Presse. Was lernt Frank daraus? Gar nichts. Stattdessen schaltet er wieder auf Autosuggestionsmodus und blendet diesen Misserfolg wie auch jeden anderen Misserfolg vollkommen aus.

Das Thema internationale Pressearbeit wird zunächst mit keinem Wort mehr erwähnt. Beim zuständigen Berater keimt die Hoffnung auf, dass die internationale Pressearbeit im kommenden Jahr einfach stillschweigend nicht mehr weiter verfolgt wird

Da aber irrt er sich leider. Im nächsten Meeting nach dem Event sagt Frank beiläufig zu ihm: „Lass Dir bitte etwas einfallen, wie du international nächstes Jahr mehr rausholst. Die Aufbauarbeit ist ja nun geleistet, die Awareness bei den Journalisten ist da. Beim nächsten Mal muss die Ernte aber auch eingefahren werden“.

Der Berater nickt ergeben. Er hofft inständig, dass er im nächsten Jahr einen neuen Job hat. Genug Bewerbungen hat er in den letzten Wochen schließlich geschrieben.

Wie ging es übrigens nach dem dritten Golfkrieg im Irak weiter? Saddam Hussein wurde Ende des Jahres 2003 müde und erschöpft in einem Erdloch aufgespürt. Ihm wurde der Prozess gemacht. 2006 wurde er gehängt. Ein schmähliches Ende für den Diktator.

Muhammad as-Sahhaf erging es deutlich besser: Er wurde nach dem Sieg der Alliierten zwar festgenommen, kam aber schnell wieder frei. Heute lebt er in Saudi-Arabien und schreibt seine Memoiren. Nach allem, was man über ihn hört, geht es ihm prima.

Mehr davon gibt es in meinem Buch. Public Frustration. Über Leben in der PR. Hier als amazon e-book für nun 3,99 Euro.

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3 Kommentare zu „Sean Spicer, neuer Star am Pressesprecherhimmel.

  1. Hach, ganz wunderbar: „Gute Berichterstattung in den Lokalmedien. Null Berichterstattung in der internationalen Presse. Was lernt Frank daraus? Gar nichts…“ 🙂

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