Geschichten aus der PR-Welt: Das Vorstellungsgespräch

Es hat wohl nie jemanden gegeben, der sich besser auf ein Job-Interview vorbereitet hatte als Hugo Bettelbrumm.

Seit zwei Wochen, seitdem er die Einladung zum Gespräch bei der Röhren AG bekommen hatte, inhalierte er Geschichte, Kennzahlen und Personalien dieses Unternehmens.

Noch Nachts um zwei hatte er eingewickelt in eine Wolldecke mit dem iPad auf dem Sofa gesessen und alles über die Röhren AG recherchiert, was das Netz zu bieten hatte.

Er kannte jede Seite des Webauftritts, las Artikel aus Fachmedien. Die Wettbewerber hatte er genau so unter die Lupe genommen, wie die Xing- und LinkedIn Profile der Mitarbeiter. Auf bundesanzeiger.de hatte er sich durch die wirtschaftlichen Kennzahlen gequält, auch wenn er diese kaum verstand.

Er bereitete sich mit seiner Freundin in Rollenspielen auf fiese Fragen vor.

Was ist Ihre größte Schwäche?

„Ihre größte Schwäche, Herr Bettelbrumm?“, fragte Nina mit strengem Gesicht.

„Meine Ungeduld, ich will die Dinge sehr schnell erreichen“, erwiderte Hugo mit einer natürlichen Gelassenheit, die ihn selbst beeindruckte.

„Was würden Sie als Ihre größte Stärke bezeichnen?“, fragte die Freundin weiter.

„Ich lasse mich auch unter Stress nicht aus der Ruhe bringen, bleibe immer cool.“

Am Abend vor dem Jobinterview meinte Nina zu ihm, ehrlich beeindruckt: „Du wirst morgen ganz sicher glänzen.“ Sie stießen mit Weißweinschorle an.

20 Prozent weniger Arbeit und 20 Prozent mehr Gehalt

Eine Anstellung als Referent für Unternehmenskommunikation, darunter stellte Hugo sich vor: 20 Prozent weniger Arbeit und 20 Prozent mehr Gehalt, als bei seinem aktuellen Berater-Job in der Agentur. Außerdem malte er sich aus, dass er dann endlich mal selbst ein paar Entscheidungen treffen konnte. Und nicht lediglich „Entscheidungsvorlagen“ für die Kunden liefern musste, die dann zuverlässig im Sande verliefen.

Er hatte sich für das Job-Interview um 10 Uhr einen halben Tag frei genommen.

Am Morgen zog er sich seinen besten Anzug an – er hatte nur zwei, weil er in der Agentur praktisch vollkommen ohne auskam.

Etwas umständlich erwies sich das Binden der eigens für diesen Anlass zugelegten Krawatte. Hugo band sie einmal zweimal, dreimal, viermal.

Die ruhige Hand fehlt

Aber heute fehlt ihm einfach die ruhige Hand. Es sah auch nach diversen weiteren Versuchen nicht gut aus. Er suchte ein Youtube Video, in welchem das Binden erklärt wurde. Das Video musste er ein paar mal abspielen – davor immer diese Werbung. Dann endlich saß die Krawatte!

Nun wurde es allerdings knapp mit der Zeit. Er griff sich seinen Mantel und hastete zur Wohnungstür.

Die U-Bahn war pünktlich und zehn Minuten vor dem Termin meldete er sich beim Empfang der Röhren AG.

„Guten Tag, mein Name ist Hugo Bettelbrumm, ich habe einen Termin mit Herrn Meyer aus der Unternehmenskommunikation und mit Frau Müller aus der Personalabteilung.“

Kurz darauf wurde er von Frau Müller abgeholt, im Aufzug gab es etwas Smalltalk.

Durch die verglaste Scheibe des Besprechungsraums, sah Hugo Herrn Müller sitzen, natürlich erkannte er ihn sofort schließlich hatte er sich häufig genug sein Xing Profil angesehen.

„Hier hätten wir die Garderobe, wenn Sie ihren Mantel ablegen wollen“, sagte Frau Meyer und hielt ihm einen Bügel hin.

„Gern“ sagt Hugo. Auf einmal fühlte Hugo sich sonderbar, nackt, verletzlich. Er schaute an sich herunter. Da fehlte etwas. Sein Jacket. Er hatte vergessen, sein Jacket anzuziehen, bevor er die Wohnung verließ.

Nun stand er da im halben Anzug

Nun stand er da, in seinem weißen Hemd und mit der akkurat gebundenen Krawatte, aber nur mit einem halben Anzug.

Er fühlte sich schrecklich, sagte aber nichts dazu. Vielleicht fiel es ja einfach nicht auf.

Seine Coolness war jedenfalls auf einmal wie weggepustet.

Im Gespräch fand er sich selbst fahrig, er verhaspelte all sein Wissen über die Röhren AG und sein Motivation, sich hier zu bewerben, fand er auf einmal auch sehr unausgegoren. Er konnte einfach an nicht anders als an das fehlende Jacket denken.

Irgendwann fragte Frau Meyer ihn: „Was würden Sie als Ihre größte Stärke bezeichnen?“

„Ich lasse mich auch unter Stress nicht aus der Ruhe bringen, bleibe immer cool.“, antwortete Hugo.

Herr Müller räusperte sich, sagte dann. „Also, um ganz offen zu sein, auf mich wirken Sie sehr aufgeregt und alles andere als cool.“ Frau Meyer nickte bekräftigend.

Die Absage kam dann eine Woche später.

Die Krawatte und der Anzug würden für sehr lange Zeit im Schrank hängen bleiben.

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