Melissa, 16 Jahre. Vom Aschenputtel zur Influencerin.

Bis zu Ihrem 16. Geburtstag hatte Melissa keinen Instagram Account. Sie war in Ihrer Schulklasse deswegen immer häufiger eine Außenseiterin, aber das störte sie nicht.

Dass sie sich einen Tag nach ihrem Geburtstag schließlich doch so ein Instagram-Profil zulegte und diesen ab dem ersten Tag auch aus vollen Rohren befeuerte, hatte einen einzigen Grund: Rache.

Sie wollte es denen heimzahlen, die sie so gedemütigt hatten.

Mehr als 30 Leute aus ihrer Schule hatte sie eingeladen. Mädchen und Jungs, die sie mehr oder weniger für Freunde gehalten hatten. Ihr war zwar klar, dass sie ein bisschen anders war als die anderen. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass NIEMAND zu ihrer Party kommen würde. Doch dann saß sie da am Samstagabend im Wohnzimmer ihrer Eltern, die extra über das Wochenende weg gefahren waren, damit die jungen Leute in Ruhe feiern konnten.

Als um halb neu niemand erschienen war, textete sie in die Runde “Hey wo bleibt ihr?“ Doch es kam keine Antwort und sie wusste, dass sie den Abend allein verbringen würde.

Zufällig hatte sie an dem Tag einen Artikel in der Zeitung ihrer Eltern gelesen. Es ging um Social Influencer und dass auf Instagram heute jeder schnell reich und berühmt werden konnte..

Sie fand diese Affen, die verträumt oder mit Schmollmund durch einen Filter in die Kamera linsten zwar einfach nur lächerlich. Aber Melissa wusste auch, dass ihre Klassenkameradinnen genau diese Nichtskönner aus unerfindlichen Gründen anhimmelten.

Also beschloss sie, Influencerin zu werden.

Fürs Fotografieren hatte sie schon immer ein Händchen. Also knipste sie ihren Frühstückskakao, ihr Müsli, den Himmel. Dann ihr Duschshampoo, ihr Deo, ein Stück Seife. Die Bilder sahen gut aus, keine Fragen. Und sie machte sich die Mühe, mit einer Spiegelreflex-Kamera zu fotografieren.

Ihr war klar, dass die meisten Instragram-Affen zum dumm waren, so ein Gerät zu bedienen, aber natürlich machte man damit die um Längen bessern Bilder. Sie wählte immer einen strahlend weißen, fast konturlosen Hintergrund, weil die Bilder so in der Timeline hervorstachen. Die Bilder hübschte sie mit der App VSCO auf. Die kostete zwar etwas Geld. Aber dafür waren ihre Bilder auch – obgleich sie immer noch komplett banal waren – besser als 99 Prozent des Pixel gewordenen Sondermülls auf Instagram, der ihr Augenschmerzen verursachte.

Mit einer weiteren App generierte sie zu jedem Bild Dutzende von Hashtags. Und noch eine weitere App folgte und entfolgten anderen Instagrammern und verteilte Herzchen und absurde Kommentare wie „Nice Pic“ oder einfach ein „Wow-Emoji“.

Unter dem Namen @mivida baute sie sich jetzt ein neues, besseres Leben auf. Und obwohl ihr klar war, dass das alles nur Schmu und Tand war, konnte sie nicht anders, als ehrlich darüber erstaunt zu sein, was für eine Schönheit sie war – jedenfalls auf ihren Bildern, wenn sie sich neben irgendeinem bei Rossmann gekauften Produkt ablichtete.

Nach zwei Wochen Instagram war es für sie völlig normal, dass Wildfremde ihre Bilder mit „Du Hübsche“ oder „So beautiful“ kommentierten.

Ja, tatsächlich, länger als zwei Wochen hatte es nicht gebraucht, dass sie mehr Follower hatte, als alle ihre Mitschülerinnen zusammen.

Und es dauerte keine zwei Monate, bis sie von den ersten Social-Influencer-Agenturen kontaktiert wurde. Ob sie nicht mal über Limonade Iksypsilon oder Duschgel Soundso schreiben wolle. Man würde sie selbstverständlich dafür bezahlen. Dass sie eine kleine Internet Berühmtheit war, sei ja offenkundig und mit einer so glaubwürdigen 16-Jährigen könne man sich eine Menge Kooperationen vorstellen.

Melissa lebte in einer großen Stadt, in der es einen eigenen Lokal-TV Sender gab. Einen Monate nach dem Beginn ihrer Social Media Karriere, saß eine lockige TV Reporterin bei Melissa auf dem Sofa und las mit ihrer Quiek-Stimme Fragen von Karteikarten ab.

„Was bekommen Deine Fans von dir zu sehen?

„Ganz einfach das Leben einer 16-Jährigen,“ erwiderte Melissa und lächelte dabei entwaffnend offen in die Kamera. Erst, als die TV Reporterin den Beitrag am Abend in der Sendung sah, wurde ihr mit Grausen klar, dass dieses Mädchen die neue, moderne Berühmtheit war. Während sie als TV-Tante ein plumper Dinosaurier war, der praktisch schon ausgestorben war.

Als Melissa am nächsten Morgen in die Schule ging, gab sie sich bescheiden. Aber es war natürlich ein ungeheurer Triumph. Sie verkörperte die große weite Welt. Wer ihr folgte, durfte hoffe, ein Glanz abzubekommen. Das Aschenputtel hatte sich in eine Prinzessin n verwandelt. Instagram sei Dank.

Ein Jahr später hatte sie mehr als 200.000 Follower. Darunter waren wenige Bots und Fake Account. Sondern lauter genuine Teenager, die an dem mittlerweile 24/7 gestellten Poser-Leben von @mivida teilhaben wollte. Die Fans waren süchtig nach immer wieder neuen, banalen Product-Shots vor strahlend weißem Hintergrund und gelegentlich Sinnsprüchen, wie sie nur eine 16-Jährige formulieren kann.

Wenn Melissa ein Produkt auf ihrem Account zeigte, dann gab es dazu einen Vertrag, der die Modalitäten genau regelte.

Ihren 17. Geburtstag ließ sie sich von einem Limonadenhersteller sponsern. Es wurde eine Bar im 20. Stock eines Hotels gemietet. Diesmal kamen mehr als 100 Gäste. Darunter auch all die Leute aus ihrer Schule, die sich ein Jahr davor einen Spaß gemacht hatten, die sonderbare Melissa alleine sitzen zu lassen. Sie alle scharten sich permanent um ihre neue Götting, weil sie hofften, dass sie auf einem Selfie von ihr landen würden.

Es war eine tolle, rauschende Party, Melissa war an diesem Abend einfach nur rundum glücklich. Sie streichelt ihr iPhone und dachte leise in sich hinein lächelnd: „Ich bin so froh, dass ich Influencerin bin!“

ENDE

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